„Stell DICH nicht so an!“

 Kennen Sie den Spruch, „Erstens kommt es anders als man zweitens denkt.“ Bestimmt. Das nachfolgende Erlebnis, hat mich dazu bewogen, darüber zu schreiben. Nichts hochprofessionelles, sondern was Menschliches aus dem Alltag.

Als ich letztens im Wartezimmer meines Hausarztes saß, habe ich mich zum ersten Mal so richtig für den Berufsstand der Pflege geschämt. Ja! Geschämt!

„Hoffentlich brauche ich in meinen verbleibenden Tagen keine Hilfe!“

 Die Haupteingangstür der Praxis ging auf und ein junger Mann mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) betrat die Arztpraxis, gefolgt von seiner Begleitperson. Der Begleiter legte dem Pflegebedürftigen gegenüber einen Ton an den Tag, der meines Erachtens grenzwertig war. Er glich dem eines Generals. „Jetzt mach mal!“ „Stell DICH nicht so an!“ „Setz DICH endlich hin!“ „Was machst DU denn jetzt schon wieder!“ „Jetzt hör endlich auf zu heulen!“ usw. Diese „Art der Konversation“ dauerte ca. 20 Minuten. Sozusagen vom Eintreten bis zum Verlassen der Arztpraxis.

Neben mir im Wartezimmer saß eine ältere Frau und ein älterer Herr. Beide waren grob geschätzt in den 70ern. Die Gesichter der beiden sprachen Bände! Pures entsetzen, gemischt mit Angst. Die Dame meinte: „Hoffentlich brauche ich in meinen verbleibenden Tagen keine Hilfe!“ Die Antwort des Herrn war ebenfalls eindeutig: „Ja, das wünsche ich mir auch. Lieber möchte ich sterben, als so behandelt zu werden!“

Für mich waren die Worte der Senioren verständlich. Wer von uns möchte so geringschätzig behandelt werden? Richtig – Niemand!

Welche Wirkung hatte dieses Erlebnis für die ältere Generation? Nichts!? Weit gefehlt. Das war der kleine Situationsschneeball der immer dann zu rollen beginnt und eine Gesprächslawine auslöst, wenn in den Medien über die „schlechte Pflege“ in Deutschland berichtet wird.

„Weißt Du noch, als ich damals beim Arzt war, …“

… und Dir von dem Erlebnis erzählt habe?

Unbeabsichtigt verursachen Pflege und Betreuungskräfte, vorwiegend aus der Emotion heraus, Situationen, die sich im Gehirn der Beobachter „einbrennen“. Welche Zusammenhänge im Vorfeld zu der einen oder anderen Reaktion geführt hat, ist unbekannt. Die Nachwirkung hingegen ist enorm.

Wir dürfen nicht vergessen, Senioren sind genauso wie die „Jungen“ gute Netzwerker. Sie treffen sich und tauschen sich aus. Beim Seniorenstammtisch dürfen „Skandale“ nicht fehlen. Vor allem dann nicht, wenn sie in unmittelbarer Nähe geschehen….

 

„Vereiste Schneebälle zum Schmelzen bringen!“

                                                                                                           (Gaby Schweller)

Alle in der Pflege und Betreuung tätigen Personen sollten sich gelegentlich selbst reflektieren und ihre Wirkung nach außen im Umgang mit pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen überprüfen. Denn nur so können „vereiste Schneebälle zum Schmelzen gebracht werden!“

Pflege- und Betreuungskräfte sind professionell arbeitende Menschen – keine Roboter! Fehler sind menschlich, bedürfen aber dennoch einer Reflexion, damit sich nicht mehr passieren!

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Susanne Binder
    2. August 2016 06:34

    Leider bedenken viele Pflege- und Betreuungskräfte ihre Aussenwirkung nicht.

    Antworten
  • Sandra Furchner
    10. August 2016 03:17

    Leider werden zuviele zu schnell berufsblind. Zeitmangel und Druck “von oben” erledigen meist den Rest. Man sollte die Menschen immer so behandeln wie man selbst behandelt werden möchte, nur so kann es funktionieren. Aber der Komerz lässt das nicht zu.

    Antworten
    • Im großen und ganzen stimme ich dir zu. Aber ein Satz stört mich: Man sollte Menschen nicht so behandeln wie man selbst behandelt werden möchte.
      Man sollte Menschen so behandeln, wie sie behandelt werden möchten.
      Da ist der Punkt. Damit kommt man viel weiter.

      Antworten

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